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Sprache hat Macht – Warum Worte auf einer Trauerfeier so wichtig sind

Worte BLEIBEN – auch lange nach einer Trauerfeier

Als freie Rednerin weiß ich: Worte verschwinden nicht einfach. Gerade auf einer Trauerfeier begleiten sie Angehörige oft noch viele Jahre. Manche erinnern sich an einen Satz aus der Rede. Andere an ein Zitat. Wieder andere an einen Spruch, den ihr Papa früher immer gesagt hat und der sie plötzlich zum Schmunzeln gebracht hat.

Und weil ich genau weiß, dass Worte nicht nur trösten, sondern auch verletzen können, wähle ich die Worte, mit denen ich einen Menschen verabschiede, sehr bewusst aus.

Weil eine Zeremonie mit mir ein geschützter Raum sein soll.

Um sich zu erinnern. Um den Menschen in Gedanken noch einmal hochleben zu lassen und ihm oder ihr dabei ein Lächeln zu schenken. Aber auch, um zu trauern – um das, was war aber nicht mehr sein wird. Vielleicht ist man auch ein Stück wütend – weil es sich auch verdammt ungerecht anfühlt, dass die geliebte Person nicht mehr da ist.

Trauerrednerin Ines Reinberger aus München

Warum ich manche Worte ganz BEWUSST vermeide

Die Todesursache bespreche ich deshalb nur so ausführlich, wie es für das Verständnis der Lebensgeschichte wichtig ist – und immer auf eine möglichst behutsame und neutrale Weise. Wenn es ein kleiner Trost ist, dass der Verstorbene nicht noch länger leiden musste, dann sage ich das so. Aber von Erlösung spreche ich nur, wenn ihr mir als Angehörige das so beschrieben habt. Und verloren ist eure geliebte Person gar nicht – durch Erinnerungen wird sie immer Teil von euch sein, genau, wie der Papa auch nach dem Tod noch euer Papa ist und immer sein wird.

Auch religiös geprägte Formulierungen, wie „Sie schaut jetzt von oben zu“ oder „Er ist jetzt an einem besseren Ort“ verwende ich nicht selbstverständlich. Manche Menschen glauben das von Herzen. Andere nicht. Und beides darf auf einer Trauerfeier seinen Platz haben. Deshalb richte ich mich nach den Überzeugungen der verstorbenen Person und der Angehörigen – und lasse das gerne innerhalb eines Zitats einfließen, wenn gewünscht.

Bei manchen Themen reicht es aber nicht aus, vorsichtig zu sein. Es gibt Themen, bei denen Worte fachlich richtig gewählt sein müssen. Dazu gehört Suizid. Denn Suizid ist der einzig richtige Begriff, den man verwenden sollte, wenn sich jemand das Leben genommen hat. Selbstmord ist schlichtweg falsch, da sich Mord nur als Tat an einer anderen Person definiert. Der Begriff Freitod sagt aus, dass sich die Person aus freien Stücken für diese Art zu sterben entschieden hat. Was beide Begriffe verfehlen, auszudrücken: Dass eine psychische Krankheit, die in einem Suizid endet, eine tödliche Krankheit ist. Das ist nicht so offensichtlich, wie bei Krebs, aber dennoch wahr.

Der MENSCH steht im Mittelpunkt – nicht sein Tod

Und außerdem ist ein Mensch doch so viel mehr, als sein Tod. Darum würde ich auch nie meinen Fokus auf die Art oder die Ursache des Versterbens legen. Sondern auf das Leben!

Darauf, dass er gerne ein „Maulvoll“ Wein getrunken hat, wenn er seiner Enkelin beim Physiklernen geholfen hat. Darauf, dass sie jeden Tag um Punkt 14 Uhr ihren Kaffee wollte – am liebsten mit einem Stück Erdbeerkuchen und bitte mit selbst gemachter Schlagsahne. Darauf, dass er so hilfsbereit war, dass er selbst im Ruhestand noch abends zu den Verwandten gefahren ist, wenn der Strom ausgefallen war. Darauf, dass sie so eine unglaublich gute Zuhörerin war und die besten Ratschläge gab, mit denen sie immer richtig gelesen ist.

Weil ich eben keine Rede gegen die Trauer schreibe – sondern eine Rede für den Menschen.

Für eure geliebte Person, die es verdient, dass ich die Worte behutsam wähle. Sie oder ihn vielleicht mit einem Zitat nochmal selbst sprechen lasse in meiner Rede. Und grundsätzlich in der Verabschiedung allem, was auch zum Leben gehört, Raum gebe: Der Trauer, der Wut, dem Vermissen, aber auch der Liebe und der Freude.

Sprache kann einen Menschen nicht zurückbringen. Aber sie kann Erinnerungen lebendig halten. Genau deshalb wähle ich jedes Wort so, wie ich auch den Menschen sehe, über den ich spreche: mit Respekt, mit Wärme und mit dem Blick auf das, was sein Leben besonders gemacht hat. Denn Worte haben auf einer Trauerfeier (und darüber hinaus) Macht – und genau deshalb wähle ich sie bewusst für euch aus.

Vielleicht habt ihr beim Lesen schon gemerkt: Mich faszinieren Menschen. Ihre Geschichten, ihre Eigenheiten und das, was sie verbindet. Genau deshalb liebe ich meinen Beruf als hauptberufliche freie Rednerin. Denn ich darf all das in Worte fassen – bei freien Trauungen, Kinderwillkommensfesten und Trauerfeiern.

Bildnachweise
Das Bild dieses Beitrags stammt von Laura Matthews Fotografie.
Vielen Dank für deine wunderbare Arbeit!